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 Home ... Media ... Die Exoten unter den Wintersportlern 

Es ist eine Mischung aus Eishockey und Fußball und selbst eingefleischten Sportfans nicht bekannt: Die Rede ist von Bandy, einer Disziplin, in der Jan Ingmar Schlegel aus Oberursel das deutsche Tor hütet.

Oberursel. 

Wirklich gerechnet hatte Jan Ingmar Schlegel nicht damit, doch seit kurzem darf sich der Oberurseler nicht nur Stadtverordnete der Linkspartei, sondern auch Nationalspieler Deutschlands nennen. In welcher Sportart, fragen Sie? Hier ein kleiner Tipp: Die Spieler wetzen auf Schlittschuhen und mit einem Schläger ausgerüstet auf einer Eisfläche einem kleinen Spielgerät hinterher. Nein. Es geht nicht um Eishockey, sondern um dessen geistigen Vorgänger: Bandy. Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts soll dieses Spiel gespielt worden sein. Heute ist es vor allem noch in Russland und Skandinavien beliebt – und in einigen anderen Ländern zumindest so interessant, dass Nationalteams gebildet werden können.

„In Russland und Schweden gibt es sogar Profi-Ligen“, berichtet Schlegel, „in Deutschland scheitert dies allerdings schon am Spielfeld.“ Die Eisfläche beim Bandy kommt nämlich den Dimensionen eines Fußballfeldes gleich und ist damit deutlich größer als es die meisten Eishallen in der Bundesrepublik zulassen. Damit enden die Gemeinsamkeiten mit dem Rasensport noch nicht: Wie im Fußball treten auch beim Bandy jeweils elf Spieler pro Mannschaft an. Gespielt wird auch zweimal 45 Minuten. „Das Spielgerät ist ein kleiner Ball, ähnlich einem Puck“, berichtet Schlegel, „die Tore dagegen sind mit Handballtoren vergleichbar.“

Apropos Tor: Dieses ist quasi die Wohlfühlzone von Jan Ingmar Schlegel. Er spielt als Keeper. Und als Ersatztorhüter durfte der 32-Jährige mit der deutschen Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft reisen. Diese wurde innerhalb von zwei Wochen in Khabarovsk ausgespielt. Das liegt im Osten Russlands und ist nicht mehr weit von der chinesischen Grenze entfernt.

Wie zuvor mit dem Trainerteam abgesprochen, bekam Schlegel zwar nur begrenzte Spielzeit hinter der etatmäßigen Nummer eins, Viktor Rud, doch das minderte das Erlebnis nicht. Allein der Flug sei schon beeindruckend gewesen, berichtet er. Neun Stunden dauerte dieser. Davon verbrachte die Mannschaft alleine sieben Stunden in der Luft über russischem Festland. „Da bekommt man erst eine Vorstellung, wie groß dieses Land tatsächlich ist“, sagt Schlegel.

Große Begeisterung

Größer als erwartet fiel vor Ort auch die Begeisterung für den Bandysport aus. Wie Fußballstars bei einer WM sei man in der 500 000-Einwohner-Stadt Khabarovsk empfangen und gar mit Polizeieskorte vom Mannschaftsquartier zur Eishalle begleitet worden – „und zwar durch den Berufsverkehr, und selbst wenn wir gar nicht gespielt haben, sondern nur zum Zuschauen bei anderen Teams waren“, erklärt Schlegel schmunzelnd.

Wie früher beim Eishockey treten die acht besten Nationen bei der A-WM an, die restlichen Nationen müssen sich im Rahmen der B-WM qualifizieren. Dies gelang Deutschland 2014. Seitdem ist man erstklassig. In diesem Jahr erreichte das Team mit dem siebten Platz erneut das Ziel Klassenerhalt.

Nicht nur der Auf- und Abstiegsmodus wirkt im Vergleich zu Weltmeisterschaften anderer Sportarten fremd, auch das Leistungsgefälle ist außergewöhnlich. Das entscheidende Spiel um Platz sieben gegen Ungarn gewann die deutsche Nationalmannschaft, in der immerhin sieben Bandy-Profi wirken, mit 21:1 – Schlegel stand 30 Minuten auf dem Feld und blieb ohne Gegentor. Im Viertelfinale hatte es allerdings gegen Favorit Russland eine 1:26-Schlappe gesetzt. Die Gastgeber wurden durch ein 5:4 gegen Schweden auch Weltmeister.

„Man konnte vor Ort auf den Ausgang der Partien wetten“, berichtet Schlegel und lacht dann, „die Quote für einen Halbfinaleinzug unserer Mannschaft lag bei 1:900.“ Deutlich besser stehen die Chancen, dass er auch bei der nächsten WM in den Bundeskader berufen wird. Da das Turnier jährlich ausgetragen wird und die Rückmeldung aus dem Trainerteam positiv ausfiel, hat Jan Ingmar Schlegel den Januar 2019 schon im Kalender angestrichen.

Von ROBIN KUNZE

© Deutscher Bandy-Bund, 2013-2018